Im Dschungel der Förderung von NS-Opfern

Ein Besuch bei der Internationalen Vereinigung „Verständigung“ hat mich kürzlich ebenso beeindruckt wie verwirrt. Beeindruckt, weil die neun Mitarbeiter sich mit wirklich bemerkenswertem Engagement für die Betreuung und Versorgung von NS-Opfern hier in Belarus einsetzen – und dies, nachdem die Zahlungen aus dem Zwangsarbeiterfond der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung, Zukunft“ (EVZ) schon lange abgeschlossen sind. Und hier fing auch die Verwirrung an, denn der offizielle Partner für die Auszahlung der Entschädigungszahlungen der Stiftung EVZ in Belarus, so dachte ich immer, war die Stiftung „Verständigung und Versöhnung“ – nicht die Vereinigung „Verständigung“.

Offenbar ist es wie folgt: In der Tat war die Stiftung „Verständigung und Versöhnung“ der offizielle Partner der Stiftung EVZ für die Auszahlungen. Aufgrund der zwischenstaatlichen Vereinbarung kooperierten damit zwei staatliche Einrichtungen. Seit 2007 die Zahlungen abgeschlossen waren und aus den Restmitteln weiterhin Projekte für die Opfer realisiert und finanziert wurden, gibt es nun einen Spielraum für weitere Initiativen in diesem Feld, die um das verfügbare Geld konkurrieren. Ein Teil der Mitarbeiter der Stiftung „Verständigung und Versöhnung“ haben daraufhin 2008 die (nicht-staatliche) zunächst städtische, später internationale Vereinigung „Verständigung“ gegründet. Daneben existieren das Internationale Begegnungszentrum IBB Minsk, das sich mit der Geschichtswerkstatt um ehemalige Opfer des Nationalsozialismus kümmert, sowie eine nicht unbeträchtliche Zahl weiterer, kleiner Vereinigungen und Initiativen.

Während die Stiftung „Verständigung und Versöhnung“, die es bis heute gibt, sich überwiegend der medizinischen Versorgung der Opfer widmet (u.a. gefördert durch die Stiftung „Erinnerung und Zukunft“, die wiederum ein Teil der Stiftung EVZ ist), sind die Schwerpunkte der Vereinigung „Verständigung“ soziale Projekte und persönliche Betreuung der Opfer in Belarus und Estland. Dazu gehören Begegnungsprojekte ebenso wie Amtshilfe und Unterstützung im Alltag einschließlich Reparaturarbeiten etc. Eine Kooperation mit der Stiftung „Verständigung und Versöhnung“ gibt es aus verschiedenen Gründen nicht mehr, die Zusammenarbeit mit der Geschichtswerkstatt, die sich primär der historischen Aufarbeitung der Geschichte in Form von Gesprächsrunden und Publikationen verschrieben hat, dagegen findet regelmäßig statt. Das größte Programm unter dem Dach der Vereinigung „Verständigung“ ist der „Treffpunkt Dialog“, Teil des Förderprogramms der Stiftung EVZ für Belarus, Russland und die Ukraine.

Die Vielfalt der Initiativen hier in Belarus, aber auch die anhaltende Finanzierung aus Deutschland hat mir imponiert, zumal sich daraus wohl zunehmend Projekte aus belarussischer Eigeninitiative im Bereich der bisher eher vernachlässigten Seniorenprogramme und -angebote entwickeln, wie mir die Leiterin der Vereinigung „Verständigung“ erzählte. Ehrlich gesagt, bin ich noch nicht mal ganz sicher, ob ich alle Zusammenhänge und Strukturen richtig verstanden habe. Es ist schon fast wie bei den Initiativen zu Tschernobyl – es ist schwer, den Überblick zu behalten. Genau deshalb aber macht mich diese beeindruckend breite Palette der Unterstützung ehemaliger NS-Opfer auch ein bisschen nachdenklich. Wenn ich es nicht besser wüsste aus meinen Erfahrungen hier in Belarus, dann würde ich sagen, ein bisschen Zentralismus kann manchmal auch nicht schaden.

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