Archiv für Juni 2013

Lange Nacht der Museen in Minsk

Ausstellungssaal im Savickij-Museum

Auch dieses Mal war ich wieder fasziniert, obwohl ich es ja schon einige Male erlebt habe. Die endlosen Schlangen und Menschenmengen vor den Museen (in diesem Fall dem Kunstmuseum und dem Janka-Kupala-Museum) lassen das Herz eines jeden Museumsprofis höher schlagen. Die Lange Nacht fiel zusammen mit dem Internationalen Museumstag, so dass einige Museen schon am Tage ein Programm angeboten haben. Ich habe die Gelegenheit genutzt, und mir das Jakub-Kolas-Museum angesehen. Die Ausstellung des Gedenkmuseums für den Schriftsteller war leider und aus unverständlichen Gründen teilweise geschlossen, dafür gab es in dem wunderschönen Garten der Villa, in der Kolas gelebt und gearbeitet hat, ein bunts Programm aus Folklore und Brauchtumsvorführungen. Thema waren alle Rituale und Zereminien rund um die Hochzeit, da auch Kolas im Mai geheiratet hatte.

Anschließend war ich im Kunstmuseum, da kommt man einfach in dieser Nacht nicht drumrum. Hier gab es wieder ein sehr vielfältiges Angebot, aus dem die Schauspieler herausragten, die den derzeit in einer Sonderausstellung gezeigten Gemälden aus der Zeit des Großfürstentums aus Lemberg und Luck entsprungen waren.

Weiter ging es zum Janka-Kupala-Museum, wo es eine Modenschau auf der Treppe vor dem Museum zu bestaunen gab, die Modelle waren samt und sonders Angestellte des Hauses. Eine schöne Ergänzung des Museumsprogramms war der Markt mit Kunsthandwerk im Park vor dem Museum mit einem Angebot, das es auf den üblichen Märkten und Festen Minsk selten zu sehen und zu kaufen gibt. Besonders gefallen haben mir die weiß-rot-weißen Kettenanhänger mit allen Spielarten belarussischer Nationalsymbole vk.com/belstyle.

Zum Abschluss habe ich mir das relativ neueSavickij-Museum angesehen, das zum Stadtmuseum Minsk gehört. In einem renovierten Palais sind die Arbeiten von Savisckij  in großen und hellen Räumen zu sehen, die vorher ziemlich zusammengepfercht im zentralen Gebäude des Stadtmuseums präsentiert worden waren. Überhaupt beindruckt das Gebäude durch ein klares Leitsystem und eine durchgängig russisch-belarussisch-englische Beschriftung einschließlich erklärender Texte für den Einzelbesucher.

Hervorzuheben ist schließlich unbedingt, dass im Unterschied zum letzten Jahr (fast) alle Museen ein kulinarisches Angebot hatten. Im Jakub-Kolas-Museum gab es wunderbares selbstgemachtes Gebäck und Fruchtsaft, im Kunstmuseum gibt es ja seit der Ausstellung zur Pariser Schule im letzten Jahr ein dauerhaftes Museumscafé (bisher das einzige in Minsk und Belarus (?)), das auch an diesem Abend gut besucht war.

Kulturelles Erbe in Belarus

Um 104 Ergänzungen wird die Liste des “historischen und kulturellen Erbes” in diesem Jahr erweitert (BelaPan 16.4.2013), so das Kulturministerium vor Kurzem. Aufgenommen werden 89 materielle und 15 immaterielle Kulturgüter, datunter eine Unierten-Kirche in Velikaja Svarotova bei Baranavich, ein Gedenkkreuz und eine Kapelle am Ort der Kämpfe mit den Russen 1863 im Ivacevich Gebiet, das Haus des Dichters Maksim Tank in der Minsker Region u.v.m.

Die gesamte Liste umfasst derzeit 5.532 Einträge, die in diesem Jahr mit 103,3 Billionen Rubeln ( das entspricht etwa 11,9 Millionen Dollar) unterstützt werden.

Kurapaty

Im Sonnenlicht des Frühlings wirkt der Ort fast friedlich, wären nicht die vielen Kreuze, die den Weg säumen und überall im Wald daran erinnern, was hier geschehen ist. Und die vier Speznac-Leute, die an beiden Zugängen zum Gelände demonstrativ beobachten, wer sich für diesen Teil der belarussischen Geschichte interessiert. Zwischen 1937 und 1941 haben hier nördlich von Minsk Massenerschießungen im Rahmen der „Großen Säuberung“ durch den sowjetischen Geheimdienst stattgefunden. Erste Funde von Leichenteilen wurden in Kurapaty bereits in den 60er Jahren gefunden, die Opfer wurden den nationalsozialistischen Besatzern zugeschrieben. Eine Diskussion kam erst auf, als Archäologen der Akademie der Wissenschaften 1998 erneut bei Ausgrabungen menschliche Überreste fanden und ihre Erkenntnisse erstmals publizierten.

Auf dem ca. 30 ha großen Gelände, das heute durch die Autobahn zertrennt wird, wurden 510 Massengräber entdeckt, in denen menschliche Überreste von Belarussen, Polen, Litauern sowie Juden liegen. Die Angaben zu den Opfern bewegen sich zwischen 30.000 und 250.000. Solange die Dokumente nicht freigegeben werden, besteht keine Möglichkeit, die Toten zu identifizieren. Namen sind nicht bekannt. Neben den Knochenfunden sind auch Patronen, Patronenhülsen, und diverse persönliche Gegenstände (Brillengestelle, Zahnbürsten, Hüllen, Brieftaschen, Geschirr, Schuhe und Handschuhe) ausgegraben worden. Sie befinden sich heute größtenteils in der Akademie der Wissenschaften, einige Funde werden auch im Nationalen Historischen Museum aufgewahrt, wohin sie zu einer Expertise gebracht worden waren.

Die Erinnerung an die Repressionen, Massenverhaftungen, Erschießungen und Deportationen in den 30er Jahren sind noch immer kein offizieller Gegenstand der historischen Forschung. Nur wenige Historiker bleiben hartnäckig an dem Thema dran, wie z.B. Igor Kuznecov. Bis 1938 wurden etwa drei Millionen Menschen verhaftet, davon sind ca. eine Millionen durch Erschießungen ums Leben gekommen, teils in sog. „Exekutionslagern“. Eines davon war Kurapaty. Kurapaty ist nicht die einzige solcher Erschießungsstätten, heute weiß man von fünf bis 10 in Minsk und weiteren mindestens 40 Orten in Belarus.

Nach den Funden 1988 wurde ein Ermittlungsverfahren eingeleitet, das erste, das der Staat gegen seine Sicherheitsorgane jemals geführt hat. Es stellte sich heraus, dass die Opfer von sowjetischen Sicherheitsorganen ermordet worden waren. Beweise dafür sind die gefundenen Patronenhülsen, die von Revolvern des Typ „Nahan“ und „TT“ stammen, der Standardausrüstung des NKWD. Außerdem wurden Gefängnisquittungen gefunden und Dokumente mit Daten, aus denen geschlossen werden kann, dass die Erschießungen vor dem Krieg stattgefunden haben müssen.

Seit dieser ersten Untersuchung hat es vier weitere Grabungen und Untersuchungen gegeben durch die „Gesellschaftliche Kommission zur Untersuchung der Verbrechen in Kurapaty“ gegeben, 1991, 1992, 1993 und zuletzt 1998. Immer wieder wurde versucht, die Verbrechen den deutschen Besatzern anzuhängen. Auch die „polnische Spur“ verfolgt, also untersucht, ob sich unter den Opfern auch 3.000 polnische Offiziere befanden, die hier in Belarus erschossen worden sein sollen. Dies ist bis heute nicht aufgeklärt, ihre Spur verliert sich hier in Belarus. Mehr noch als die Behauptung, die Verbrechen seien von den Deutschen begangen worden, spaltet die Frage nach den polnischen Opfern des NKWD die Nation. Offiziell heißt es, wie auch immer wieder vom Präsidenten öffentlich bestätigt, dass keine polnischen Offiziere in Belarus erschossen worden seien. So äußerte sich Lukaschenko zuletzt auf der Jahrespressekonferenz am 15. Januar auf die Frage eines polnischen Journalisten. Demgegenüber behaupten Polen und einige Historiker in Belarus, dass im KGB-Archiv eine Liste existiere. Das Thema ist eines von vielen belarussisch-polnischen Streitpunkten. Gedenktafeln und Grabschmuck in Kurapaty, die sich auf polnische Opfer beziehen, werden regelmäßig entfernt oder verwüstet. Als ich in den Maifeiertagen dort war, lagen Blumen und Fahnen an einigen Kreuzen. Das wird wohl nicht lange so bleiben.

Rechtzeitig vor den Feiertagen hat das Kulturministerium ein Verbot für die Neuerrichtung jeglicher Erinnerungszeichen in Kurapaty (BelaPan 25.4.2013) erlassen. Damit soll insbesondere die Erinnerung an die polnischen Offiziere verhindert werden, so Kuznecov zu dem Verbot. Das ist ein Rückschritt hinter die bereits von gesellschaftlichen Gruppen erkämpfte Freiheit, Gedenksteine und Kreuze aufzustellen.