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Deutsch-bulgarisch-belarussischer Jazz

Foto: http://afisha.sb.by/12018/

Manche kulturelle Erlebnisse gehen mir nicht aus dem Kopf, auch wenn sie schon länger zurückliegen. Dazu gehört ein Konzert, das ich am 18.11.2012 in der Philharmonie in Minsk gehört habe. Auf dem Programm stand Jazz, gespielt von drei jungen Musikern aus Belarus und Bulgarien, die alle derzeit in Deutschland (Leipzig und München) leben und arbeiten. Kopf des Trios ist Michail Leontschik, einer der bekanntesten und zugleich ein virtuoser Spieler des hierzulande weit verbreiteten Saiteninstrumentes Zymbal. Zugleich ist er der Sohn des hier ebenfalls bekannten Zymbal-Spielers Alexander Leontschik. Zusammen mit dem Pianisten Konstantin Kostov und dem Percussionist Nevian Lenkov bilden sie das Ensemble „Only Juzzt“ .

Auf dem Programm stehen eigene Kompositionen, meist von Leontschik, bulgarische und belarussischer Volkslieder, aber auch Adaptionen von Jazzstandards und klassischer Musik, darunter Chopin, Brahms (eine tolle Version eines der ungarischen Tänze!) u.a. Insgesamt ein unvergessliches Musikerlebnis, das ich nur jedem empfehlen möchte. Zur Einstimmung empfehle ich ein Video auf youtube.

Belarus musikalisch

Präsident Lukaschenko ist nicht nur Gegenstand der Kritik in politischen Kreisen, sondern auch eine Inspiration in künstlerischen Kreisen. Neben dem wohl populärsten Song über ihn „Sanja ostanetsja s nami“ (Sanja bleibt bei uns), gibt es nun schon eine ganze Hitliste mit Songs über die Nr. 1. Inwieweit sich politische und künstlerische Kreise hier sauber voneinander trennen lassen, bleibe dem geneigten Hörer überlassen.

Konzerte mit belarussischer Musik in Berlin und Dresden

Ich zitiere hier eine Mail von Ingo Petz an den Verteiler des Minsk-Forums:

Liebe Mitglieder und Freunde der dbg, liebe Belarus-Interessierte,
hiermit möchten wir Sie zu zwei wunderbaren Konzert-Abenden am 1. und 3. Oktober 2012 in Berlin und Dresden einladen. Uns ist es gelungen, erstmals das belarussische Frauengesangsensemble MIZHRECHCHA nach Deutschland einzuladen. Das Ensemble aus der Region Palessje in Belarus präsentiert in dem Programm „Belaruskaja Duscha: Die Belarussische Seele“ authentische Volkslieder, Rituale und Traditionen, die sogar auf der UNESCO-Liste für das geistige Weltkulturerbe stehen.
Wir bitten Sie, dieses schöne Ereignis mit Ihrem Besuch zu unterstützen.
Anbei finden Sie weitere Infos zu dem Ensemble und zu den Veranstaltungsorten: Konzert_1.+3.10.2012
Mit besten Grüßen,
Ingo Petz

dbg-Vorstand
Minsk Forum Office
deutsch-belarussische gesellschaft (dbg)
Schillerstraße 59
D-10627 Berlin
Email minskforum@dbg-online.org

Musical Jesus Christ Superstar in Belarus/Weißrussland verboten

Foto: http://en.ria.ru/world/20120301/171669636.html

Die Nachricht ist eigentlich schon veraltet, aber angesichts der anhaltenden Nachrichten zum Einfluss der Orthodoxen Kirche auf Kunst und Kultur in Russland, bleibt ein gewisser Nachgeschmack. Im Februar meldete BelPan (13.2.2012), dass das Musical Jesus Christ Supersrat in Belarus verboten wird.

Hintergrund war die Petition von 500 Gläubigen, die sich an die Regionalverwaltung gewandt hatten. Sie hatten insofern Erfolg, als der für Mogilev bereits von dem St. Petersburg Rock Opera Theater angesetzte Aufführungstermin wieder abgesagt und statt dessen die Aufführung der Rockoper „Orpheus und Euridike“ des russischen Komponisten Aleksandr Zhubrin ins Programm genommen wurde.

Mal ganz abgesehen von den finanziellen Verlusten des örtlichen Veranstalters ArtFest war dieser von der Intervention der Kirche überrascht, zumal bisher keine Einwände gegen das Musical überhaupt (das seit 41 Jahren gezeigt wird!) und auch nicht bei den Planungen für mehrere Veranstaltungen in Belarus (Gomel, Mogilyov, Brest and Minsk) erhoben worden waren. Erst jetzt bemängelten die Gläubigen in ihrem Brief, und mit ihnen die Kirche, dass Judas in dem Musical in einem zu positiven Licht dargestellt werde.

Ein Sprecher von ArtFest äußerte sogar Unverständnis darüber, dass in einem säkularen Staat und bei entsprechenden Gesetzen, die ein Verbot nur aufgrund von Gewalt, religiösem Hass oder Pornographie zulassen, die Kirche eine solche Entscheidung herbeiführen kann. Mit diesem Widerspruch sollen sich nun auch das Kulturministerium und das Nationale Komitee für Religiöse Angelegenheiten beschäftigen.

Ein vergleichbarer Einfluss der Kirche auf Staat, Politik und Gesellschaft wie in Russland, ist in Belarus nicht zu beobachten. Zwar ist der Präsident an Feiertagen und zu wichtigen Anlässen häufig in der Kirche zu sehen und auch über Konsultationen Lukaschenkos mit kirchlichen Würdenträgern wird immer wieder berichtet. Die Kirche erhält jedoch kein Geld vom Staat und ist auch in der öffentlichen Wahrnehmung deutlich getrennt von Politik und Regierung.

Schwarze Liste

Laut Kulturministerium gibt es keine „schwarze Liste“ (BelaPan 22.2.2012) mit unerwünschten Musikern in Belarus . So lautete die Antwort auf eine Eingabe der Band „Adis Abeba“, die sich nach Absagen von Konzerten der Gruppen „Neuro Djubel“ und „Krambambulja“ in Minsk an die Behörden gewandt hatten.

“We believe that music bands whose activities and works are in line with the law, national traditions and generally established standards of conduct should be in demand,” sagte der stellvertretende Kulturminister. “We do not see any problems with providing venues and air time to Belarusian-language bands and singers.”

Dass es mit oder auch ohne eine konkrete Liste für viele Musikgruppen schwierig bis unmöglich ist, in Belarus aufzutreten, ist bekannt. Gerade hat Ingo Petz wieder darüber in der FAZ berichtet (Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 14.04.2012 Seite Z4). Viele Bands sind mit Auftrittsverboten belegt oder werden durch sog. technische Probleme an ihren Auftritten gehindert.  Im letzten Jahr konnten Rockkonzerte u.a. von Lyapis Trubetskoi, Zmitser Vaytsyushkevich, Neuro Dubel, N.R. M. and Krambambulya, ein Projekt von Lyavon Volski, nicht stattfinden. Immer wieder ist daher die „Schwarze Liste“ im Gespräch, auf der, so heißt es, 30 einzelne belarussische und ausländische Künstler und 15 Bands stehen.

Werke jüdischer Komponisten in der Philharmonie

Von erlesener Qualität war das gestrige Konzert im Kleinen Saal der Philharmonie . Auf dem Programm stand eine Auswahl von Werken jüdischer Komponisten, die durch Geburt, Leben oder Wirken mit Weißrussland /Belarus bzw. der Kulturregion verbunden sind. Dargeboten wurden die Stücke durch das Solisten-Ensemble „Klassik-Avantgarde“.

Das Ensemble wurde Ende der 80er Jahre gegründet und steht seitdem unter der Leitung von Vladimir Baidov. Die 18 Musiker sind teilweise als Solisten mehrfach ausgezeichnet und bilden zusammen einen harmonischen und technisch brillanten Musikkörper. Ihr Name ist Programm: Immer wieder stellt das Ensemble neben bekannten Klassikern bisher wenig gespielte und teilweise vergessene Komponisten vor. Ergänzt wird das Konzertprogramm, wie auch gestern Abend, durch jeweils ausführliche Einführungen in die Stücke mit biographischen Informationen über die Komponisten und ihre Werkgeschichte.

Gestern Abend stellte das Orchester etwa 12 Stücke jüdischer Komponisten vor, darunter Maximilian Steinberg (1882-1946), Aleksandr Tansmann (1897-1986) und Mardechaj Gebirtig (1877-1942) , der im Ghetto in Krakau erschossen wurde. Überhaupt war viel die Rede von dem Schicksal der jüdischen Bevölkerung in der Region, Antisemitismus und vergessener Kultur. Der ganze Abend wurde in belarussisch moderiert, das Programm nur in belarussisch gedruckt. Das Interesse war groß, der Saal übervoll. Das Bedürfnis, der eigenen Vergangenheit auch in der Musikgeschichte nach zuspüren ist immens, und so war auch die Begeisterung: Nach zwei Zugaben gab es noch immer stehende Ovationen.

Das Ensemble, sein Programm und seine Anhänger sind ein weiterer Mosaikstein in der immer wieder ambivalenten Wahrnehmung von Belarus: So erhält dieses staatliche Orchester, das vom Kulturministerium von Belarus finanziert wird, zugleich Sponsorenmittel des hier stark in der offiziellen Kritik stehenden Polnischen Kulturinstituts. Auch wenn die staatliche Förderung für die nationale belarussische Kultur nicht ausreicht, wie viele Intellektuelle beklagen, so sind solche Konzerte doch ein Lichtblick. Und auch wenn die reiche Geschichte der jüdischen Bevölkerung und Kultur in der Region sicher nicht zu den Mainstream-Themen gehören, so gibt es eine Nische. Wie komplex die Situation ist, zeigt das gemischte Publikum unterschiedlichen Alters und Hintergrundes, darunter übrigens auch einige wenige Vertreter staatlicher Behörden.

Ein Ausflug in die Musikszene

Für die Berichterstattung über die Musikszene in Belarus/Weißrssland gibt es kompetentere Schreiber als mich. Ich will daher nur meine ganz persönlichen Eindrücke von einem Konzert der beliebten Jazzband Apple Tea zum Besten geben. Im Januar hatte ich das Vergnügen, die Band in einem der wenigen Klubs zu hören, die von der alternativen Jugendszene besucht werden. Eine gute Bekannte und Kollegin hatte mich eingeladen, mich mehrfach nervös darauf hingewiesen, dass es mir vielleicht nicht gefallen könnte, handele es sich bei dem Graffiti-Klub doch um einen abgelegenen Ort, schwer zu finden und sicherlich nicht meinen „diplomatischen Erwartungen“ entsprechend. Am Ende war sie ganz erleichtert, dass es mich nicht nur nicht geschockt, sondern es mir sogar ausnehmend gut gefallen hat. Die entspannte und offene Atmosphäre hat mich außer an Berlin an die für uns gar nicht mehr hinterfragte Selbstverständlichkeit einer freien Musikszene erinnert.

Die Band selbst gibt es schon sehr lange, sie hat sich in den späten 80er Jahren gegründet, als in Russland Kino, DDP oder Nautilus Pompilius entstanden. Seitdem hat sie sich vielfältig entwickelt, tritt vor ganz großem Publikum ebenso wie in kleinen Klubs auf und wird gerade dafür bei der kritischen Jugend sehr geschätzt.

Video zu Apple Tea auf Youtube: http://youtu.be/L0h9n7HXvM4

Weitere Informationen zur Musikszene:

http://www.eurasischesmagazin.de/artikel/?artikelID=20060306

http://www.eurozine.com/articles/2007-02-08-petz-de.html

Italien in den Werken russischer Künstler

Diesem Thema ist derzeit eine kleine Ausstellung im Nationalen Kunstmuseum gewidmet. Zu sehen sind Werke von Fedor Matveev, Silvester Ščedrin,  Ivan Ajvazovskij u.a. aus der Sammlung des Minsker Kunstmuseums.

An drei Abenden finden im Rahmen des Begleitprogramms Konzertabende im Foyer des Museums statt. Der gestrige Abend bot Genuss auf höchstem Niveau: Lieder, Arien und Klavierstücke russischer und italienischer Meister ließen den Besucher eintauchen in die so unterschiedlichen und doch künstlerisch verbundenen Welten Italiens und Russlands im 19. Jahrhundert.

All jenen, die Kunst und Musik in schönem Ambiente genießen möchten, sei der Besuch des dritten und letzten „Musikalischen Abends“ am 18. August sehr empfohlen.

Sanja

Nicht mehr ganz aktuell, aber noch immer kurios ist die Geschichte des Songs „Sanja ostanetsja s nami“ (Sanja bleibt bei uns). Das von der Minsker Band Rockerjocker komponierte Lied ist durch die zeitliche Nähe seiner Entstehung zu den Präsidentschaftswahlen 2010 zu großer Popularität gekommen. Von den Musikern ursprünglich als Spaß, allenfalls als Provokation erdacht, ergriff das Bildungsministerium in Belarus die Chance und sorgte dafür, dass der Song häufig und zur Prime-Time in allen Radio-Sendern gespielt wurde. Ob das wirklich stimmt, ist umstritten. Zu verlockend war der scheinbare Bezug vom Kosenamen Sanja für Alexander zu Alexander Lukaschenko, zu schön die im Song besungene heile Welt der sauberen Straßen und der verlässlichen öffentlichen Verkehrsmittel. Alles in allem eine echt weißrussische Geschichte.

 

„Kulturschaffende in Belarus“

So lautet der Titel eines neuerlichen Beitrags der Sendung Scala im WDR 5 (29.3.2011, Moderation Rebecca Link). Immer wieder schaut diese Redaktion auf Belarus und berichtet insbesondere über die Situation der Kultur im Land. Dieses Mal sind, neben einem kompkaten Überblick über die wechselvolle Geschichte des Landes, Eindrücke der Schriftstellerin Svetlana Alekseeva, des Sängers Ljavon Volkskij und des Künstlers Arthur Klinau zu hören. Sie alle bewegen sich mit ihrem Schaffen in dem schwierigen Feld von Kunst und Kultur, die sich in Belarus, insbesondere nach den Wahlen im Dezember 2010, zwischen Propaganda und Protest bewegen.

In der laufenden Woche ist die Sendung nachzuhören unter: http://www.wdr5.de/nachhoeren/scala.html