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Zeitschrift ARCHE wieder zugelassen

Laut einer Meldung von BelaPan (24. Mai) wurde die Neuregistrierung der einzigen unabhänigen, auf belarussisch erscheinenden historischen Zeitschrift durch das Kulturministerium akzeptiert. Die Zeitschrift war im letzten Jahr verboten. Damit gab das Ministerium dem vierten Antrag der Herausgeber seit November 2012 auf Genehmigung statt.

Im September 2012 wurde der Herausgeber Bulgakov in Grodno bei einer Buchpräsentation verhaftet. Ihm wurde vorgeworfen, das Buch „Die Sowjetifizierung von Westbelarus“ illegal verkauft zu haben. Anschließend wurde das Bankkonto von ARCHE eingefroren. Der Fernsehsender Belarus 1 beschuldigte die Herausgeber des Extremismus und der Nazi-Propaganda. Daraufhin floh Bulgakov ins Ausland. Nun ist er seit einiger Zeit wieder in Minsk. Die Anklage gegen ihn wurde fallen gelassen, das Bankkonto wieder freigegeben.

Kurapaty

Im Sonnenlicht des Frühlings wirkt der Ort fast friedlich, wären nicht die vielen Kreuze, die den Weg säumen und überall im Wald daran erinnern, was hier geschehen ist. Und die vier Speznac-Leute, die an beiden Zugängen zum Gelände demonstrativ beobachten, wer sich für diesen Teil der belarussischen Geschichte interessiert. Zwischen 1937 und 1941 haben hier nördlich von Minsk Massenerschießungen im Rahmen der „Großen Säuberung“ durch den sowjetischen Geheimdienst stattgefunden. Erste Funde von Leichenteilen wurden in Kurapaty bereits in den 60er Jahren gefunden, die Opfer wurden den nationalsozialistischen Besatzern zugeschrieben. Eine Diskussion kam erst auf, als Archäologen der Akademie der Wissenschaften 1998 erneut bei Ausgrabungen menschliche Überreste fanden und ihre Erkenntnisse erstmals publizierten.

Auf dem ca. 30 ha großen Gelände, das heute durch die Autobahn zertrennt wird, wurden 510 Massengräber entdeckt, in denen menschliche Überreste von Belarussen, Polen, Litauern sowie Juden liegen. Die Angaben zu den Opfern bewegen sich zwischen 30.000 und 250.000. Solange die Dokumente nicht freigegeben werden, besteht keine Möglichkeit, die Toten zu identifizieren. Namen sind nicht bekannt. Neben den Knochenfunden sind auch Patronen, Patronenhülsen, und diverse persönliche Gegenstände (Brillengestelle, Zahnbürsten, Hüllen, Brieftaschen, Geschirr, Schuhe und Handschuhe) ausgegraben worden. Sie befinden sich heute größtenteils in der Akademie der Wissenschaften, einige Funde werden auch im Nationalen Historischen Museum aufgewahrt, wohin sie zu einer Expertise gebracht worden waren.

Die Erinnerung an die Repressionen, Massenverhaftungen, Erschießungen und Deportationen in den 30er Jahren sind noch immer kein offizieller Gegenstand der historischen Forschung. Nur wenige Historiker bleiben hartnäckig an dem Thema dran, wie z.B. Igor Kuznecov. Bis 1938 wurden etwa drei Millionen Menschen verhaftet, davon sind ca. eine Millionen durch Erschießungen ums Leben gekommen, teils in sog. „Exekutionslagern“. Eines davon war Kurapaty. Kurapaty ist nicht die einzige solcher Erschießungsstätten, heute weiß man von fünf bis 10 in Minsk und weiteren mindestens 40 Orten in Belarus.

Nach den Funden 1988 wurde ein Ermittlungsverfahren eingeleitet, das erste, das der Staat gegen seine Sicherheitsorgane jemals geführt hat. Es stellte sich heraus, dass die Opfer von sowjetischen Sicherheitsorganen ermordet worden waren. Beweise dafür sind die gefundenen Patronenhülsen, die von Revolvern des Typ „Nahan“ und „TT“ stammen, der Standardausrüstung des NKWD. Außerdem wurden Gefängnisquittungen gefunden und Dokumente mit Daten, aus denen geschlossen werden kann, dass die Erschießungen vor dem Krieg stattgefunden haben müssen.

Seit dieser ersten Untersuchung hat es vier weitere Grabungen und Untersuchungen gegeben durch die „Gesellschaftliche Kommission zur Untersuchung der Verbrechen in Kurapaty“ gegeben, 1991, 1992, 1993 und zuletzt 1998. Immer wieder wurde versucht, die Verbrechen den deutschen Besatzern anzuhängen. Auch die „polnische Spur“ verfolgt, also untersucht, ob sich unter den Opfern auch 3.000 polnische Offiziere befanden, die hier in Belarus erschossen worden sein sollen. Dies ist bis heute nicht aufgeklärt, ihre Spur verliert sich hier in Belarus. Mehr noch als die Behauptung, die Verbrechen seien von den Deutschen begangen worden, spaltet die Frage nach den polnischen Opfern des NKWD die Nation. Offiziell heißt es, wie auch immer wieder vom Präsidenten öffentlich bestätigt, dass keine polnischen Offiziere in Belarus erschossen worden seien. So äußerte sich Lukaschenko zuletzt auf der Jahrespressekonferenz am 15. Januar auf die Frage eines polnischen Journalisten. Demgegenüber behaupten Polen und einige Historiker in Belarus, dass im KGB-Archiv eine Liste existiere. Das Thema ist eines von vielen belarussisch-polnischen Streitpunkten. Gedenktafeln und Grabschmuck in Kurapaty, die sich auf polnische Opfer beziehen, werden regelmäßig entfernt oder verwüstet. Als ich in den Maifeiertagen dort war, lagen Blumen und Fahnen an einigen Kreuzen. Das wird wohl nicht lange so bleiben.

Rechtzeitig vor den Feiertagen hat das Kulturministerium ein Verbot für die Neuerrichtung jeglicher Erinnerungszeichen in Kurapaty (BelaPan 25.4.2013) erlassen. Damit soll insbesondere die Erinnerung an die polnischen Offiziere verhindert werden, so Kuznecov zu dem Verbot. Das ist ein Rückschritt hinter die bereits von gesellschaftlichen Gruppen erkämpfte Freiheit, Gedenksteine und Kreuze aufzustellen.

Neues Internetportal zur Oral History in Belarus

Screenshot der Website

Einen großen Fundus von Lebensgeschichten und Erinnerungen zur belarussischen Geschichte bietet ein neues Webportal, das „Belarusian Oral History Archive project“.

Ziel ist es, mündliche Zeugnisse historischer Ereignisse von Zeitzeugen zu sammeln und zu bewahren, so heißt es auf der Website. Damit soll ein Beitrag geleistet werden zur “re-conceptualization of the Soviet period in the Belarusian history” sowie neue interdisziplinäre Forschung voranzutreiben.

Betreut wird das Archiv von professioinellen Historikern, Wissenschaftlern benachbarter Disziplinen und Interessierten.

Inhaltlicher Schwerpunkt ist das Gebiet des heutigen Belarus und benachbarter Regionen n der Zeit zwischen 1921 bis 1939, einschließlich der weiteren Entwicklung während und nach dem Krieg. Projektleiterin ist eine junge Historikerin, Irina Kashtaljan, die kürzlich ihre Dissertation über „Orte der Opfer des Kommunismus in Belarus“, die hier in Belarus nicht angenommen wurde, am Osteuropa-Institut der Freien Universität verteidigt hat. Sie forscht seit langem zu dem hier noch immer weitgehend tabuisierten Thema der stalinschen Repressionen. Unterstützer des Projektes sind verschiedene gesellschaftliche Initiativen, Memorial, das Institut für Slawistik der Polnischen Akademie der Wissenschaften, die Konrad-Adenauer-Stiftung und die Europäische Humanistische Universität in Vilnius.

Zur vollständigen Nutzung ist eine Registrierung nötig, auch um die Wahrung der Persönlichkeitsrechte zu achten, was hierzulande leider nicht selbstverständlich ist. Innerhalb des Archivs gibt es detaillierte Suchmöglichkeiten, man kann Publikationen im PDF-Format herunterladen und findet Links zu anderen Einrichtungen und Forschungsprojekten zum Thema Oral History.

Bis auf eine kurze Einleitung in englischer Sprache, ist das gesamte Material auf belarussisch, mit Ausnahme einiger Publikationen auf russisch. Insgesamt eine tolle, übersichtliche Seite, reiches, bisher unbekanntes Material und ein bisher wenig verbreiteter Zugang innerhalb der belarussischen Geschichtswissenschaft. Ähnliches Material ist über die Geschichtswerkstatt oder die russische Agentur „Historisches Gedächtnis“ (auch und gerade für Belarus) zu finden.

Zeitschrift Arche wurde eingestellt

Die in Belarus wohl einmalige Zeitschrift „Arche“ wurde eingestellt. Dies ist die Folge langer Schikanen von offizieller Seite, das Ende der Zeitschrift kommt damit letztlich einem Verbot gleich. Die weitere Arbeit ist wohl nur noch im Internet möglich.

Bei der Zeitschrift handelt es sich um eine seit 1998 erscheinende unabhängige Publikation zu meist historischen Fragen in belarussischer Sprache. Arche ist einmalig in der belarussischen Publizistik, auch wenn viele Belarussen die Zeitschrift wohl gar nicht kennen. Neben belarussischen Autoren publizieren hier auch internationale Historiker. Zudem übersetzt die Zeitschrift Artikel aus anderen Sprachen. Die Beiträge sind in dem Netzwerk eurozine zu lesen.

Angefangen hat es mit der Präsentation einer Ausgabe von Arche zum Thema „Sowjetifizierung von Westbelarus“ am 14. September in Grodno durch den Herausgeber der Zeitschrift, Valer Bulhakaw. Während der Präsentation wurde er verhaftet, das Buch beschlagnahmt und in der Folge der Autor wegen „Verkaufs belarussischer Bücher ohne Lizenz“ zu einer Strafe von 500.000 Rubeln (ca. 58 $) verurteilt (BelaPan 23.10.2012). In demselben Zusammenhang sind auch die Entlassungen mehrerer Historiker der Universität Grodno aufgrund unliebsamer Publikationen zur Geschichte von Belarus zu sehen.

Politisch wurde die Angelegenheit durch die Fernsehberichterstattung Ende Oktober, in der die Zeitschrift des Extermismus und der NS-Propaganda bezichtigt wurde. Bulhakaw hat in der Zwischenzeit das Land verlassen  (BelaPan 13.11.2012). Ingo Petz berichtete über den Fall in den deutschen Medien (FAZ 27.10.2012).

Historiker-Klub in Minsk

Erstmals nach einer längeren Pause kam der Minsker Historiker-Klub am 24. Oktober wieder zusammen (BelaPan 25.10.2012). Nach der Absage einer Sitzung im Juni in der Geschichtswerkstatt  musste der Klub eine neue Bleibe suchen.

Nachdem die Versammlung in der Geschichtswerkstatt nicht stattfinden konnte, weil der Film über die Stalin-Linie, den die Historiker anschauen und diskutieren wollten, in den Augen der GW-Leitung offenbar zu kritisch war, widmete sich das erneute Treffen abermals einem heiklen Thema. Dieses Mal ging es um neue Informationen zu polnischen Offizieren, die der NKWD auf dem Gebiet von Belarus ermordet hat. Darüber hinaus wurde ein Dokumentarfilm über die Exekution von Eisenbahnmitarbeitern in Minsk in den 1930er Jahren gezeigt.

Igor Kuznecov, ein Mitglied des Klubs, verwies darauf, dass die Aufarbeitung und Erinnerung an die Opfer des Stalinismus in Belarus nicht ausreichend betreiben werde. Das zeige auch die Tatsache, dass es bis heute kein Denkmal oder eine Information in Kurapaty gebe. Er kritisierte auch die Pläne für ein Restaurant und Freizeitcenter nahe dem historischen und Gedenkort (BelaPan 6.11.2012), wogegen es schon bei einer Gedenkveranstaltung in Kurapyty am Gedenkttag des 29. Oktober viele Proteste gegeben hatte. Das bei der Gedenkfeier aufgestellte Mahnmal für Offiziere der polnischen Armee ist in der darauf folgenden Nacht von Unbekannten vernichtet worden.

Rau-Gespräche mit Henning Scherf

Im November fand das 7. Johannes-Rau-Gespräch zum Thema Geschichtspolitik und Erinnerung in der IBB Minsk statt. Festredner war der ehemalige Bürgermeister der Stadt Bremen, Henning Scherf. In einem sher persönlichen Vortrag schilderte er den Weg historischer Erinnerung nach 1945 in beiden Teilen Deutschlands. Den meisten Gewinn daraus konnten sicher die anwesenden Westdeutschen, darunter die Vertreter der IBB Dortmund, aber auch die Vertreter der österreichischen Delegation ziehen. Für die Belarussen, so zeigte auch die anschließende Diskussion, waren die Ausführungen letztlich zu detailliert.

Von belarussischer Seite sprachen der stellvertretende Bürgermeister der Stadt Minsk, Igor Karpenko, sowie ein Historiker der Akademie der Wissenschaften, Vladimir Kusmenko. Geschickt lavierte dieser auf der Welle der offiziellen Geschichts- und Erinnerungspolitik, die auf sowjetischen Geschichtsparadigma basiert, durch die Einbeziehung belarussisch-nationaler Elemente und eine scheinbare Offenheit allen Opfergruppen gegenüber suggeriert, als sei sie das Ergebnis eines offenen Diskurses.

Die Wortmeldungen von Zeitzeugen und Überlebenden verschiedener Opfergruppen zeigte ein weiteres Mal, dass Deutsche und Belarussen in Fragen der Geschichte aneinander vorbei, oder besser gesagt: nebeneinander diskutieren. Dem gebetsmühelartig vorgebrachten Schuldeingeständnis und Bekenntnis zur Verantwortung durch die Deutschen steht auf Seiten der Belarussen eine offene und oft lebhafte bis wütende Diskussion gegenüber, die in diesen geschützten Räumen wie dem IBB oder auch dem Goethe-Institut eine Plattform findet. Da diese Beiträge sich nur selten in schriftlicher Form niederschlagen können, geschweige denn von einem größeren Publikum rezipiert und auch in einer gesellschaftlichen Debatte weiterentwickelt werden können, bleibt am Ende das Gefühl ständiger Wiederholung auf beiden Seiten.

Dennoch war diese Konferenz ein wichtiger Beitrag zur Diskussion von Erinnerungsfragen in Belarus, das durch Berichte über verschiedene österreichische Zugänge zur Erinnerung bereichert wurde.

Sommeruniversität an der Akademie der Wissenschaften

Als ich dachte, die Organisation an der Staatlichen Universität, wo ich Anfang des Jahres ein Seminar zum Ausstellungsmanagement gehalten habe, sei beklagenswert, so hatte ich zu diesem Zeitpunkt noch keine Erfahrung in dieser Hinsicht mit der Akademie der Wissenschaften gemacht, konkret mit dem Institut für Geschichte. Das konnte ich jetzt im Rahmen einer DAAD-Sommeruniversität zur Geschichte des Ersten Weltkrieges in Belarus nachholen.

Schon im Frühjahr hatte mich ein Mitarbeiter des Instituts um Rat gefragt bei der Beantragung der Gelder beim DAAD, der thematischen Ausgestaltung des Programms und der Gewinnung deutscher Studenten. Tatsächlich nahm das Unternehmen Gestalt an und so erklärte ich mich bereit, einen Tag zum Thema „Der Erste Weltkrieg im Museum: Ausstellungen in Deutschland, Russland und Belarus“ zu bestreiten. Das ist insofern ein durchaus aktuelles Thema, als es in Belarus Pläne gibt, ein eigenes Museum zum Ersten Weltkrieg zu eröffnen. Eine Arbeitsbesprechung dazu steht Ende September unmittelbar bevor. Soweit so gut.

Im folgenden Verlauf der Vorbereitungen konnte ich dann nur dank hartnäckiger Eigeninitiative immer wieder vorläufige Angaben über den Termin, den Ort oder die Teilnehmer bekommen. Als ich dann zwei Tage vor dem mühsam vereinbarten konkreten Termin noch immer nichts gehört hatte – ganz zu schweigen von einer offiziellen Anfrage, einer Einladung zur Eröffnung oder technischer Absprachen für die Durchführung des Seminars – habe ich mit nur schwer unterdrücktem Unmut wieder hinterher telefoniert, um wieder nur ratlose Antworten und wenig konkrete Informationen zu bekommen.

Um der Studenten willen habe ich das Seminar dann doch noch durchgeführt, was sich vor Ort dann auch als konstruktiv und für alle Beteiligten als informativ erwiesen hat. Teilgenommen haben letztlich drei von ursprünglich acht deutschen Studenten, die sich für die Sommeruniversität beworben hatten, ca. fünf Mitarbeiter des Instituts für Geschichte sowie zwei Mitarbeiterinnen des Museums für belarussische Literatur. Belarussische Studenten, die man bei einer internationalen Sommeruniversität durchaus erwarten könnte, waren nicht anwesend, aber auch als Teilnehmer nicht vorgesehen, angeblich, weil sie alle noch in den Ferien sind.

Die deutschen Studenten waren aber insgesamt zufrieden, fühlten sich gut betreut und in der Stadt wohl. Zu ihrem Programm gehörte noch ein Vortrag zum Ersten Weltkrieg in Belarus von Vjacheslav Bondarenko sowie ein Methodenseminar bei Sergej Novikov von der Pädagogischen Universität. Außerdem Ausflüge in das Museum zum Gedenkfriedhof des Erstens Weltkrieges in Minsk und zum Museum in Zabrodje, nach Naroch’ sowie zu weiteren kulturellen Sehenswürdigkeiten.

Auch wenn sowohl die Organisation als auch der thematische Bezug zum Esten Weltkrieg noch deutlich zu wünschen übrig lassen, so ist es doch letztlich erfreulich, dass sich immerhin einige wenige Studenten aus Deutschland auf den Weg in das ihnen bis dahin völlig unbekannte Belarus machen, um zu Hause von ihren insgesamt positiven Erfahrungen zu berichten.

Gehälter an der Staatlichen Universität

Foto: istfak.bsu.ru

Im Februar und April habe ich einen „Speckurs“, also nach deutschem Sprachgebrauch eine „Übung“ an der Historischen Fakultät der Staatlichen Universität abgehalten. Mein Auftraggeber war der Lehrstuhl für Museumswissenschaften und Ethnologie und das Thema meines Kurses das „Ausstellungsmanagement“.

Insgesamt habe ich 49 akademische Stunden (à 40 Minuten) unterrichtet, die nach für mich noch immer undurchschaubaren Berechnungen in Vorlesung, Seminar, Hausaufgaben, Konsultation, Examen und Kontrollarbeiten aufgeteilt waren. Letztlich belief sich der Aufwand auf eine Arbeitszeit, wie sie in Deutschland für ein Seminar im Semester anfällt, die Vorbereitung und Korrekturen der Seminararbeiten freilich ausgeschlossen. In diesem Fall habe ich noch die Kopien für die Studenten hergestellt, was hier deutlich teurer ist als in einem deutschen im Copyshop.

Für all das habe ich ein Honorar in Höhe von 948.000 BY Rubeln bekommen, zum Auszahlungszeitpunkt ca. 94 €. Hätte ich den Rang eines Professors (hier: Doktor der Wissenschaften) (und nicht bloß einen Doktortitel, hier: Kandidat der Wissenschaften), dann hätte ich (unwesentlich) mehr bekommen. Erhalten habe ich das Honorar am 10. April, dem Tag jeden Monats, wo alle Dozenten und Angestellten der Uni ihr Geld bekommen. Man erhält es in bar und muss es sich an der zentralen Kasse der Universität gegen Vorlage des Passes abholen. Das hat aber immerhin einwandfrei geklappt!

Die auch für belarussische Verhältnisse niedrige Bezahlung für die Lehre führt dazu, dass es immer weniger Nachwuchs für die Universitäten gibt. Das wiederum hat zur Folge, dass das Durchschnittsalter der Professoren und Dozenten immer weiter ansteigt, wie der Rektor der Universität kürzlich beklagte. Es liegt zwischen 57 und 65 Jahren! Ein junger Dozent, der noch keinen akademischen Titel trägt, erhält derzeit im Monat 2.600.000 Millionen BY Rubel (ca. 310 $), ein Professor immerhin schon 6.500.000 BY Rubel (ca. 780 $). Die Lehrbelastung bei den Engagements ist dabei deutlich höher als bei uns, von dem niedrigen Organisationsgrad und bürokratischen Aufwand aller Aktivitäten, die nochmals Zeit kosten, ganz zu schweigen.

Archive in Belarus/Weißrussland

Ein Forschungsprojekt führte mich jüngst erstmals in belarussische Archive. Vor dem Hintergrund meiner Erfahrungen in verschiedenen russischen Archiven zu unterschiedlichen Zeiten, war ich hier überrascht, wie einfach und letztlich unkompliziert der Zugang funktionierte. Natürlich braucht man auch hier ein Empfehlungsschreiben, aber einmal registriert, geht es problemlos.

Mein Thema war der „Große Vaterländische“, für den es einen eigenen, zweisprachigen (russisch – deutsch) Archivführer über die vorhandenen Bestände in allen Archiven von Belarus gibt: Dokumente zur Geschichte des Zweiten Weltkrieges in den Staatsarchiven der RB, 1941-1945, Minsk 2003.

Ähnlich positive Erfahrungen habe ich im Archiv für Kino- und Fotodokumente sowie im Minsker Bezirksarchiv gemacht. Angeblich ist auch das Militärarchiv für die Nutzung offen, wie es in einem Bericht anlässlich des „Tags der Archivare“ (6. Oktober) in der Militärzeitung heißt. Dieses Abenteuer steht mir noch bevor. Ebenso der Versuch, in das bisher geschlossene KGB-Archiv zu gelangen.

Einen guten Überblick verschaffen kann man sich auf der zentralen Website der Archive, von wo man auch zu allen anderen Archive gelangt.

Akten zur Geschichte von Belarus, die sich in ausländischen Archiven befinden, sollen in einer Datenbank zusammengefasst werden. Das Protal soll Archive der GUS und anderer Staaten zusammenführen. Von besonderem Interesse sind dabei die Dokumente zur Familie der Radziwills, die sich größtenteils in Warschau und teilweise in Litauen, Russland, der Ukraine und Deutschland befinden.

Ein Archivthema, das hier viel Beachtung findet, ist die Ahnenforschung. Auf der Seite der Staatlichen Archive wird gesondert auf weitere Datenbanken und Quellen verwiesen, mit denen man genealogische Forschungen betreiben kann. Hier wiederum gilt ein besonders Augenmerk der jüdischen Geschichte. Was die Suche nach Soldaten in Belarus aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges betrifft, gibt es einen umgekehrten Hinweis auf den Seiten des DRK für Belarus/Weißrussland.

Konferenz „Belarus und Deutschland“

An der Linguistischen Universität, am Lehrstuhl für Geschichte und Belaruswissenschaften, fand am vergangenen Freitag die 11. internationale Konferenz zum Thema „Belarus und Deutschland“ statt. Veranstalter der jährlich stattfindenden Konferenz ist Sergej Novikov, ein auch in internationalem Kontext ausgewiesener Historiker. International freilich wurde die Konferenz durch einige russische Kollegen und mich.

Themenschwerpunkt war die Militärgeschichte, die meisten Vorträge widmeten sich dem „Großen Vaterländische Krieg“. Hervorzuheben sind aus meiner Sicht die Beiträge von Julija Kantor aus Petersburg zur Frage der Kulturgüterverluste (leider zu wenig zu Belarus), Anatolij Šarkov von der Akademie des Innenministeriums über die Vergeltungspolitik gegenüber Kollaborateuren (leider kaum Quellenbezug) und Igor Kusnecov von der BGU über die Forschungen zu Trostenec (präzise und sehr kritisch!). Als reaktion auf meinen eigenen Vortrag über die neue Konzeption des Museums der Geschichte des Großen Vaterländischen Krieges bekam ich durchweg zu hören, dass sowohl die Konzeption als auch die Pläne für Architektur und Gestaltung weitest gehend unbekannt waren – was mich ehrlich überrascht hat.

Insgesamt herrschte eine offene, kritische und aufgeschlossene Atmosphäre, wie ich sie oft in geschlossenen Kreisen erfahre. Der Austausch war rege, der Nachfragen viele. Sieht man von der schieren Masse der Vorträge ab (in der Nachmittagssitzung 18!!), meist ohne Folien oder anderes Anschauungsmaterial, wie es hier leider so üblich ist, bot die Tagung einen guten Einblick und Überblick über die aktuellen Fragen der Militärgeschichtsforschung in Belarus.